Der verlorene Kandinsky

Hammerbachers "Kandinsky Garten" am Architekturgebäude der TU Berlin

- Ein Vortrag, gehalten am 8. September in der Buchpräsentation im Roten Rathaus. Die Vortragenden sollten nicht über Baumeister, Ingenieure und Gartenarchitekten selbst reden, sondern jeweils ein gefährdetes Werk vorstellen. Der Vortrag sollte 5 Minuten nicht überschreiten. Meine Wahl fiel auf den Iris-Gräser-Garten hinter dem Architekturbebäude der TU Berlin. Der Garten ist nicht mehr da. Siehe Fotos unten. -


Der verlorene Kandinsky

Ich bin dankbar für die Gelegenheit, hier über ein bedeutsames, aber gefährdetes Werk von Herta Hammerbacher berichten zu können, nämlich über den ‚verlorenen Kandinsky‘.
Natürlich handelt es sich nicht um einen echten Kandinsky, aber dennoch einen ganz besonderen, weil er sich im Vergleich zum Original jahreszeitlich in Farbe und Gestalt wandelt. Die Rede ist von dem kleinen Innenhofgarten hinter dem Architekturgebäude und vor dem Institut für Heizung und Lüftung der TU Berlin. Herta Hammerbacher hatte den Garten 1967 entworfen und 4 Jahre später fertig gestellt. Der Name Kandinsky rührte daher, dass das hauptsächlich aus Schwertlilien und Gräsern bestandene Pflanzenbild stark an Kandinsky-Gemälde erinnerte. 2 Jahre nach der Fertigstellung soll der Garten mit der fast leer wirkenden architektonischen Raumstruktur und dem Iris- und Gräserhügel als Blickfang, tatsächlich wie ein Kandinsky Gemälde ausgesehen haben. Das bezeugte damals Prof. Heikamp und er gratulierte Hammerbacher zu dem  Meisterwerk. Leider steht uns kein Foto aus der Zeit zur Verfügung. 

Prof. Heikamp muss aus dem obersten Stockwerk des Hermkebaus herunter geschaut haben, um diesen Eindruck zu bekommen. Heute schaut man nur noch in ein dichtes Waldstück. Schwertlilien und Gräser sind schon vor Jahrzehnten spurlos verschwunden. 
Herta Hammerbacher lehrte an der TU Berlin 20 Jahre lang. Zunächst gleich nach dem Krieg als Lehrbeauftragte und seit 1950 bis zu ihrer Emeritierung 1967 als Lehrstuhlinhaberin für das Fachgebiet Gartengestaltung an der Architekturfakultät. Übrigens, Hammerbacher war die erste weibliche Professorin in Berlin, möglicherweise  in der ganzen Bundesrepublik Deutschland.
Nicht nur aus diesem Grunde galt diesem Garten ihre besondere Liebe. Damals hatten die Studenten den Wunsch geäußert, hier einen Lehrgarten zu haben. Pflichtschuldigst, und nicht zuletzt aus dem Bewusstsein heraus, dass er ihr letztes Werk am TU Gelände sein würde, nahm Herta Hammerbacher eigens „Harken und Spaten“ in die Hand, um den Gärtnern die richtige Formung der Erdbewegung zu zeigen. 

Aber  auch in einem anderen Zusammenhang ist dieser Garten bedeutsam. Herta Hammerbacher war als virtuose Pflanzenplanerin bekannt. Sie verfügte nicht nur über umfangreiche und tiefergehende Kenntnisse über Pflanzen. Schon in  den 20er Jahren, als sie in der Arbeitsgemeinschaft mit Karl Foerster und Hermann Mattern wirkte, begann sie kontinuierlich und immer aufs Neue Pflanzenkonzeptionen zu entwickeln. Sie wiederholte sich selten, verließ sich nicht nur auf ein bewährtes Repertoire von 20 Pflanzen.  Zunächst angeregt von Karl Foerster, aber dann aus eigenem Interesse heraus schaffte Hammerbacher bewusst Pflanzenbilder.  Ich will damit keineswegs sagen, dass sich Herta Hammerbacher nur auf Pflanzungen verstanden hätte. Ihr Spektrum war sehr breit, reichte von kleinen Hausgärten, über große Siedlungen bis hin zu kompletten Gartenschauen. Sie entwickelte zu jedem Projekt geeignete Landschaftskonzepte und Pflanzenbilder. Extravagante Kompositionen wandte sie nur an, wenn besondere Umstände dies erforderten. Am Architektur-Garten erkannte sie eine solche Situation. Hier ist aus damaliger Sicht etwas Neues an Pflanzenverwendung entstanden. 

Seit ca. 10 Jahren begegnen wir Begriffen wie New German Style, New American Garden, Dutch Wave etc. M. E. ist (dieses Bild) der Kandinsky Garten eine Vorwegnahme dieser Bewegung gewesen, die sich spezifisch mit prägnanten aber ökologisch-ökonomisch verträglichen Pflanzenbildern befasst. Hier spielte Herta Hammerbacher eine weitere Vorreiterrolle. 

Man kann sagen, schön, dass in diesem verdichteten Stadtteil am Ernst Reuter Platz ein Stück Wald entstanden ist. Natur der vierten Art, die es zu erhalten gilt.  Zugegeben, ein Wald ist stadtklimatisch viel bedeutsamer als ein Irisgarten. Unter anderen Umständen hätte ich auch sofort zugestimmt. Hier handelt es sich aber nicht um eine Industrie- oder Bahnbrache, sondern einen ehem. Lehr-Garten von der  feinsten Art, der sowohl der künstlerischen als auch ökologischen Anforderung genügte.  Wollen wir das Waldstück beibehalten oder den geerbten, aber unter Efeu begrabenen Kandinsky wieder finden? Die Grundstruktur des Gartens ist noch vorhanden. Es ist hauptsächlich die Pflanzung, die erneuert werden muss. Da der Garten relativ klein ist, würden sich die Kosten der Wiederherstellung in Rahmen halten. Dann hätten wir den besonderen Kandinsky wieder, der jahreszeitlich in Farbe und Form wechselt.  

Ich danke Ihnen fürs  Zuhören.

08.09.2016
Jeong-Hi Go


Ein junge koreanische Landschaftsarchitektin hat den Pflanzplan grafisch umgesetzt. Aber nur grafisch. leider.

Der Pflanzplan für den Iris-Gräser-Garten, der soganannte Kandinsky-Garten hinter dem Architekturgebäude der TU Berlin. 

Der sanfte Hügel, aus dem einst der prachtvolle Iris-Gräser-Garten stand. Jetzt durch Efeu überwuchert. Im Sommer 2016

Der Efeuhügel hat auch was. Aber ein wenig Farbe würde den Studenten gut tut. Sommer 2016

Wer sich dafür interessiert kann die Pflanzenliste downloaden.


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