Vortrag: Kleinuniversum Herta Hammerbachers


HERTA HAMMERBACHER (1900-1985)

GARTEN ALS KLEINUNIVERSUM


Jeong-Hi Go

1.    EINLEITUNG


Herta Hammerbacher gehörte ohne Zweifel zu den erfolgreichsten und bedeutendsten deutschen Garten- und Landschaftsarchitekten im vergangenen Jahrhundert. Sie wirkte nahezu 50 Jahre lang ununterbrochen, zunächst als Garten-und Landschaftsarchitektin und seit 1950 als Professorin an der TU Berlin. Mit ihr sind außerdem zwei sehr bekannten Namen eng verbunden. Ihr wird der Verdienst gezollt, einen großen Beitrag bei der Entwicklung des Neuen Gartenstils in den 30er Jahren geleistet zu haben. Dies geschah in Zusammenarbeit mit Karl Foerster und Hermann Mattern. Es ist unumstritten, dass die Arbeitsgemeinschaft Foerster-Mattern-Hammerbacher nach einer architektonisch dominierten Zeit, den landschaftlich bestimmten, frei geformten Gartenstil einführte. Hammerbacher nannte diesen Stil die Neue Landschaftlichkeit. Dieser Begriff setzte sich leider nicht durch. Herta Hammerbacher ist weiterhin bekannt als Verfechterin der Symbiose zwischen Architektur und Landschaftsarchitektur. Sie war auch Meisterin der Pflanzenkomposition. Im Zuge meiner Forschung konnte ich im Großen und Ganzen dieses bekannte Bild bestätigen. Darüber hinaus hat sich herausgestellt, dass Hammerbacher eine Theoretikerin und Philosophin war, wie sie sich selbst bezeichnete. Es war ihr ein wichtiges Anliegen, die wissenschaftliche und philosophische Grundlage der Gartengestaltung, sowie Gestaltungsprinzipien zu formulieren. Ihr umfangreiches Gesamtwerk basiert letztendlich auf einer intensiv und kontinuierlich geführten theoretischen und philosophischen Auseinandersetzung. Wenn man Leben und Werk Hammerbachers abschließend betrachtet, stellt man fest, dass sie die o.g. drei Aspekte in einen nicht trennbaren Zusammenhang stellte.

Sie hinterließ einen mehrere Tausend Blätter umfassenden Planungsnachlass. Sie veröffentlichte ca. 40 Aufsätzen in verschiedenen Zeitschriften, hinterließ außerdem ein relativ umfangreiches Vorlesungsmanuskript und einige Gutachten. In ihren Schriften hat sie ihre Gedanken zu Garten und Landschaft aber auch zu Städtebau recht systematisch festgehalten, anhand dessen man ihren Gedankengang gut verfolgen konnte. Ich beschränke mich heute auf ihre Gartenkonzeption, die sich mit dem Wort Kleinuniversum zusammen lässt. Herta Hammerbacher entwickelte um die Mitte der 30er Jahre ihre Gartenkonzeption, fasste sie in klaren Worten zusammen. Sie realisierte ihre Garten- und Landschaftsobjekten konsequent nach dieser Konzeption. Es ist ungewöhnlich, dass man Jahrzehnte lang auf einem einzigen Gestaltungsstil bleibt. Aber es gab Gründe dafür. Über diese Gründe geht es mehr oder weniger heute in meinem Vortrag. 

2.    BIOGRAPHIE – EIN LEBEN AUF WANDERSCHAFT


Am 2. Dezember 1900 wurde Herta Hammerbacher in München in einem typisch bürgerlich-adeligen Milieu geboren. Ihre Eltern stammten aus Nürnberg, aber zur Zeit der Geburt Herta Hammerbachers war ihr Vater als Offizier in München stationiert. Ihr Leben war nicht nur eine symbolische Wanderung, faktisch betrachtet war es auch ein Leben auf Wanderschaft. Die Wanderung begann kurz nach ihrer Geburt, als ihre Eltern nach Nürnberg zurückkehrten. Die kleine Herta wuchs zunächst in Nürnberg auf, aber nicht lange genug, um Nürnberg ihre Heimat zu nennen. Die Familie verließ Nürnberg als Herta drei Jahre alt war, um nach einer jahrelangen Wanderung durch das ganze Deutschland in Zickzackkurs in Berlin zu gelangen. Auf diese Weise verbrachte Herta Hammerbacher ihre Kindheit in mehreren Großstädten, wie in  Aachen, Hannover, Jena. Schließlich ließ sich die Familie in Berlin nieder, als Herta elf Jahre alt war. An einem finanziellen Mangel litt die Familie aber  in keiner Zeit. Der Vater war schließlich der Erbe einer großen Eisenbahnfabrik. Diese frühe Wanderschaft schien Herta Hammerbacher nachhaltig geprägt zu haben. Sie setzte später aus eigenem Antrieb die Wanderschaft fort.
Aber bleiben wir zunächst einmal in Berlin. Die jugendliche Herta Hammerbacher lernte die blühende Großstadt kennen und lieben. Sie bekam die übliche Bildung für höhere Töchter, um sich später als Dame der Gesellschaft standesgemäß verheiraten zu können. Zu dieser Zeit bekam die  Physikerin Marie Curie den Nobelpreis. Es war eine Sensation und die kleine Herta war davon so tief beeindruckt, dass Marie Curie fortan ihr großes Vorbild wurde. Sie träumte von einem Ingenieur-studium und einem Berufsleben, das sie fordern würde, und nicht zuletzt einer idealen Partnerschaft. Die ideale Partnerschaft bedeutete für sie gemeinsame Lebensführung und gemeinsames Schaffen à la Ehepaar Curie . Nachdem aber die Realisierung dieses Ideals in der ersten Ehe mit Hermann Mattern gescheitert war, kam sie zu dem Schluss, dass eine gemeinsame Haushaltsführung wohl nicht funktionierte.

Als sie 1942 zum zweiten Mal heiratete, ging sie vom Modell Curie ab. Stattdessen favorisierte sie das Ehemodell Mathilde Vaertings. Sie verfasste einen Ehevertrag, in dem u.a. die räumliche Trennung von Wohnorten und die Fortführung des Mädchennamens Hammerbacher im Berufsleben vorgesehen waren. Herta Hammerbacher nannte dies die wissenschaftliche Grundlage der Ehe . Ihr zweiter Ehemann, der Staatswissenschaftler Dr. Kurt Laux unterzeichnete leichtsinniger Weise den Vertrag, weil er ihn nicht ernst nahm. Er glaubte seine Frau noch zu einer gemeinsamen Haushaltsführung überreden zu können. Er sollte aber die Prinzipientreue und Kompromisslosigkeit seiner Frau noch gründlich kennenlernen. Die zweite Ehe hielt 36 Jahre. Und die Eheleute führten die ganzen 36 Jahre eine Fernbeziehung. Dr. Kurt Laux reichte allerdings 1978, kurz bevor er starb, die Scheidung ein. Herta Hammerbacher fiel aus allen Wolken, da sie geglaubt hatte, dass das zweite Ehemodell funktionierte.
Für Hammerbacher war es schwer zu akzeptieren, dass Gefühl und Verstand nicht miteinander im Einklang stehen könnten. Sie versuchte beharrlich Elemente zu vereinen, die von den meisten Menschen als Gegensätze empfunden werden. In einem Brief an Hermann Mattern erläuterte sie 1926, dass aus der Synthese zwischen Gefühl und Verstand der Geist entstanden sei.  Demnach schien Hammerbacher die Idee der Synthese schon sehr früh entwickelt zu haben. Im Grunde war Herta Hammerbacher eine hoffnungslose Harmoniebedürftige. Nur, sie wählte für die alchemische Herstellung der Harmonie die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Vermutlich wollte sie sich nicht auf die Unberechenbarkeit der Gefühle verlassen. Wenn der Geist aus der Synthese zwischen Gefühl und Verstand entstanden wäre, wie sie glaubte bzw. hoffte, wäre der Mensch sicher geschützt vor jeder Eventualität und schmerzlichen Folge des Gefühlslebens. Ich weiß nicht, ob dieser Versuch, ihr Gefühl im Huckepack mit der Vernunft in die geistige Ebene zu verbannen, mit ihrer im ersten Weltkrieg gefallenen Jugendliebe zusammenhängt. Möglich wäre es. Auffällig ist jedoch, dass Herta Hammerbacher schon im Mädchenalter ein vernunftbetontes Leben führte. Dies führte dazu, dass sie liebend in die Mittler- und Beobachterrolle hinein schlüpfte. Als junge Frau versuchte sie auch schriftstellerisch. Sie schrieb mehrere Dramen. Überliefert ist aber nur eins davon. Es handelt sich in diesem Drama um zwei Liebenden, die sich aus nichtigen Gründen streiten. Erstaunlicher Weise spielt Herta Hammerbacher darin nicht die Rolle der Heldin, sondern einer dritten Person, die versucht, die streitenden miteinander zu versöhnen. Sie war damals zwanzig Jahre alt. Sie hätte sich durchaus mit der Liebenden identifizieren können.

Wir kehren wieder zurück zu der jugendlichen Herta Hammerbacher. 1916, nun sechzehnjährig wurde sie nach Schwaben geschickt. Sie sollte dort die Gartenbauschule Schertlinhaus besuchen. Sie war sehr abgemagert und sollte in der frischen Luft genesen. Da es in der vom ersten Weltkrieg erschütterten Stadt Berlin nichts mehr zu essen gab. Die Gartenbauschule war aber nicht ihre eigene Wahl, sie konnte sie sich mit dem Beruf einer Gärtnerin nicht identifizieren. Sie fühlte sich intellektuell unterfordert und strebte ein Ingenieurstudium. Sie bombardierte ihre Mutter mit Briefen, in denen sie sie bat, den Vater umzustimmen, der nach wie vor aus Herta eine Dame der Gesellschaft machen wollte. Indessen hatte sie die einzige Chance, das Abitur zu machen, verpasst. Aber anstatt bittere Tränen darüber zu vergießen, entdeckte sie die Möglichkeit, über die Profession der Gartengestaltung ihr Ziel zu erreichen. Sie entschied sich 18 jährig Gartengestalterin zu werden, weil sie glaubte, in diesem Beruf Wissenschaft, Technik und Kunst vereinen zu können. Sie machte sich einen Ausbildungsplan zurecht. Der Plan sah vor, ein weiteres Jahr Gärtnerlehre in Sanssouci, vier Jahre Praxis als Gärtnerin und zwei Jahre Studium an der Höheren Lehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau in Berlin-Dahlem. Diesen Plan setzte sie konsequent um. Und so wurde Herta Hammerbacher 1926 Gartenbautechnikerin.

Die Liaison zwischen Mattern und Hammerbacher war ein Ereignis in der Geschichte der deutschen Gartengestaltung im 20. Jahrhundert, schon in dem Zusammenhang, dass das junge Paar 1928 auf der Suche nach einer Möglichkeit der gemeinsamen Arbeit und gemeinsamen Lebensführung Karl Foerster traf. Sie lernten sich während des Studiums kennen. So entstand die Arbeitsgemeinschaft Foerster-Mattern-Hammerbacher, aus der der größte Impuls für die Erneuerung des Gartens in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts ausging, und an die bald viele junge Gartenarchitekten wie Walter Funke, Hermann Göritz, Otto Valentien, Wilhelm Hübotter anschlossen. Daraus bildete sich langsam eine Gruppierung heraus, die heute als der „Bornimer-Kreis“ besser bekannt ist. Ihr Traum eines Universitätsstudiums erfüllte sich später über einen ganz anderen Weg: Sie wurde 1950 die erste Professorin der Technischen Universität Berlin, 1964 der erste weibliche Ordinarius. Die Professur hatte sich Herta Hammerbacher mehr oder weniger erkämpft. Schon in der Studienzeit in Dahlem engagierte sich Hammerbacher im Studentenausschuss für die Akademisierung des Gartenbaus, vor allem der Gartenarchitektur. Sie begriff die Neuordnung des Hochschulwesens in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg als dahingehende Chance und entwickelte enorme Energie. Sie bekam zunächst einen Lehrauftrag an der Architekturfakultät der TU Berlin . Der Lehrauftrag wurde aber zunächst nicht in die Professur umgewandelt. Sie blieb zu dieser Zeit noch in Bornim und hielt Stellung bei Karl Foerster während der Sowjetischen Besatzungszeit. 1948, als die Grenze zu dicht wurde, ging sie über Berlin nach Süddeutschland zu ihrem Ehemann, um dort einen Gärtnereibetrieb mit dem Integrierten Entwurfsbüro nach dem Vorbild Foersters aufzubauen. Dieser Versuch scheiterte, und die Hilfe kam von Hermann Mattern, der zu dieser Zeit in Kassel die Gartenbauausstellung organisierte. Hammerbacher wohnte in Baracken des Gartenbaugeländes und erstellte hunderte von Pflanzplänen. Dort kam die Nachricht der Ernennung zur Professur.

In den beiden Jahrzehnten als Hochschullehrerin erreichte sie den Höhepunkt ihres Schaffens. Sie wurde mit Ruhm und Ehre bedeckt. Sie beteiligte sich an den großen Projekten wie dem Interbau Hansa-Viertel, gewann mehrere Wettbewerbe, entwarf insgesamt über 500 Gärten und Landschaften. Die Wochenzeitschrift Die Zeit veröffentlichte einen Artikel über die erste Professorin der Technischen Universität Berlin. Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam auf die einzige Frau im Interbau-Team. Bald wurde sie mit Aufträgen überhäuft. Zu dieser Zeit wandte sie sich verstärkt zu städtebaulichen Projekten, und formulierte ihre städtebauliche Konzeption, die im unmittelbaren Zusammenhang mit ihrer Gartenkonzeption stand. Der Botanische Garten in Athen war wohl der Gipfel ihrer Karriere, den sie kurz vor ihrer Emeritierung entwarf. Nach der Emeritierung 1969 führte sie die Entwurfstätigkeit bis 1983 fort, entwarf die Grünflächen des Nordgeländes der TU Berlin. Allerdings wurde die Auftragslage deutlich dünner. Sie starb 1985 am Starnberger See in Bayern, und werde im Familiengrab in Nürnberg bestattet.

3.    GARTENKONZEPT EINER HEIMATLOSEN


Obwohl Hammerbacher die meiste Zeit ihres Lebens in Berlin-Potsdamer Raum verbrachte, war Berlin kein Zuhause, sondern vielmehr die ‚Sammelstelle‘ ihres im Grunde heimatlosen Lebens. Nach ihrer Heimat kehrte sie erst nach ihrem Tod zurück. Hammerbacher fühlte sich mit Norddeutschland enger verbunden als mit ihrer süddeutschen Heimat. Heimatlich fühlte sie sich aber nirgendwo. Die Heimatsuche, die ihr in die Wiege gelegt wurde, gepaart mit der Identitätssuche als Frau mit einer ‚männlichen‘ Lebensführung, zeichnete nicht nur ihre Biographie. Ihr Gartenkonzept wurde ebenfalls stark beeinflusst. Siebzigjährig spürte Hammerbacher noch eine Unruhe in sich, war sie immer noch auf Heimatsuche.  Sie baute bzw. kaufte insgesamt sechsmal ihr eigenes Haus. Daneben unterhielt sie ständig einen zweiten und zeitweise sogar einen dritten Wohnsitz. Diese ewige Heimatsuche spiegelt sich selbstredend in ihrer Gartengestaltung wieder.
Hammerbacher verfügte als Großstadtkind nicht über die selbstverständliche, unmittelbare Beziehung zu Natur und Landschaft wie manche ihrer Berufskollegen. Landschaft musste erst entdeckt werden. Sie nahm die Landschaft erstmals mit Sechzehn in der Mindeltaler Umgebung in Schwaben auf, lernte sie lieben. Hammerbacher sagte dazu folgendes;
„Das war aber sehr bedeutsam für mich, diese Landschaft zu erleben während der Arbeit, immer Landschaft um einen herum, eine nicht verbaute noch keineswegs viel Leute, alles noch echte nette Bauernhäuser, aber auch locker bebaut und, wo die Landschaft auch in die Gebäude, in die Häuser mit eindrang. Das hat mich also echt bestimmt, und tiefgehend, nachdem ich ein doch relativ ernstes Mädchen war“. 
Dieser Eindruck prägte sie nachhaltig, und wir erkennen in dieser Aussage die Charakteristik ihrer Garten- und Landschaftsgestaltung wieder. Über den Beruf des Gärtners korrigierte sie später ihre jugendliche Meinung. Beeinflusst durch Karl Foerster, der nur und immer wieder Gärtner sein wollte, soll Hammerbacher, Goethe zitierend, gesagt haben, dass der Gärtner nach dem Theologen der zweit- höchste Beruf sei. Hier sehen wir die bewusste, metaphysische und gar religiöse Beziehung Hammerbachers zum Garten, und somit zur Landschaft und Natur. Man kann sagen, sie entdeckte zunächst die Profession der Gartengestaltung und danach den Garten selbst, nachdem sie bereits hunderte davon entworfen und realisiert hatte. Diese bewusste Beziehung zum Garten war sehr wahrscheinlich das wichtigste Drehmoment im Schaffen Hammerbachers.
Herta Hammerbacher war nicht nur ein ernstes Mädchen, sie entwickelte schon als junges Mädchen ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Nachdem frühen Tod ihres Vaters musste sie für ihre Mutter und zwei jüngere Brüder, die charakterlich nicht so gefestigt waren wie sie, die Rolle des Familienoberhauptes übernehmen. Sie nahm diese Überforderung hin, und wurde mit zunehmendem Alter und der steigenden Position in der Gesellschaft immer stärker zur Stütze der ganzen Familie, und zur Patronin der Verwandtschaft. Sie regelte streng, verantwortungsbewusst und gerecht die Familienangelegenheiten, stellte regelmäßig Schecks zur Unterstützung der minder bemittelten Familienmitglieder und Verwandten aus. So wurde sie der »General« der Familie. Sie wird von den Zeitzeugen stets herrisch bzw. bestimmend beschrieben. Am strengsten war sie aber mit sich selbst. Sie identifizierte ihr Leben im Verlauf der Jahre immer stärker mit der Garten- und Landschaftsgestaltung. Dort suchte sie nach dem »großen Klang der Harmonie«, die sie im wirklichen Leben nicht finden konnte. Um die komplizierten Dinge um sich herum im Gleichgewicht zu halten, ging sie den Weg einer Entpersonifizierung , wie sie selbst ausdrückte. Im Gegenzug fand eine Personifizierung ihrer Gärten statt, so sprach Hammerbacher. In den späteren Jahren sah sie sich selbst als ganz in die Landschaft eingefügt . Ich zitiere den Satz, den sie kurz vor ihrem Tod hinterlassen hat:
„Ich bin ein Stück Blume oder ein Baum. Ich bin einfach ein Stück Garten."
Nun, wir werden uns näher anschauen müssen, wie ein herrischer, bestimmend einnehmender General zu dieser verblüffenden Aussage kommen konnte.

 "URSPRÜNGLICH IST IDEALTYPISCH"
Das Gartenkonzept Hammerbachers lässt sich im Grunde genommen mit einem einzigen Satz umschreiben. Es heißt, „Ursprünglich ist idealtypisch“. Sie suchte zunächst den Idealtypus ihres Gartens. Sie fand ihn im Ursprünglichen. In den jungen Jahren, d.h., bis Ende der 30er Jahre fasste sie diesen Idealtypus mit dem Begriff des Ein-Organismus zusammen. Das Haus, der Garten und die umliegende Landschaft sollen organisch miteinander verbunden sein. Ein Organismus ist nur durch Lebewesen herstellbar, demzufolge ist der Garten das bindende Glied des organischen Ganzen.  Hier begegnen wir wieder der mittelnden Hammerbacher.
In der Nachkriegszeit machte ihr Garten eine Wandlung durch;  aus dem Ein-Organismus wurde der Garten Eden, den sie zugleich als Ursprung erfasste. Im Garten ist man mit diesem Ursprung, der Natur und dem Universum metaphysisch verbunden. Daraus entstanden die Idee und die Gestalt des Gartens als Kleinuniversum, das aber mit der Zeit zum Zufluchtsort wurde. Dieser Zufluchtsort nannte sie fortan als Locus Amoenus.
Die Gärten Hammerbachers, insbesondere jene, die sie auf ihrem beruflichen Höhepunkt in den 50er u. 60er Jahren entworfen hat, erwecken die Illusion einer archaischen Landschaft. Der Eindruck entsteht nicht nur in weitläufigen Parks, auch in den Hausgärten. Hammerbacher wandte auch im Hausgarten bewusst die Gestaltungselemente des Landschaftsgartens an, freistehende einzelne Großbäume, die in Verbindung mit Buschwerk Räume bilden, Tiefe und Weite suggerieren. Der leichte Schwung des Fußwegs, der sich hinter Gehölzen verliert, erweckt die Illusion eines ‚hinter dem Busch geht es weiter‘. Die Pflanzenwelt ihres Gartens geht in die angrenzende Landschaft wie selbstverständlich über, so dass der Garten der Landschaft zugehörig erscheint, die Landschaft als Erweiterung des Gartens. Dieser perfekte Schein war durchaus gewollt und streng durchgeformt. Der Garten wurde als einen einzigen, in sich geschlossenen Raum ausgebildet, der vor allem eine tiefe Geborgenheit ausstrahlte. Durch die sanft gewellte flache Muldenbildung wurde der Raum weiter vertieft. Diese typische Muldenbildung in ihren Gärten brachte ihr den Beinamen ‚Mulden-Herta‘. Eine oder zwei fließende S-Kurven der abgeflachten Böschung verstärkt die Muldenbildung. Eine dichte Gehölzkulisse, nach dem Vorbild eines Waldmantels abgestuft, umgibt den Gartenraum. Der Himmel, den Hammerbacher stets mit einbezog, schloss den Raum ab. Ihr Garten ist in der Regel statisch, in sich ruhend, kein dynamisch bewegter Garten. Man kann sich verschiedene Namen für solche Raumausbildung einfallen lassen. Ein Schlauch, ein Boot, eine Gewölbe, die Arche Noah. Die Wirkung ist gleich. Ihr Garten wirkt wie die warme Umarmung der Mutter. Dies erscheint jedoch im Gegensatz zu ihrer Persönlichkeit zu stehen. Mir scheint, als wollte Hammerbacher über diesen mittelbaren Weg der Gartengestaltung ihre unterdrückte Weiblichkeit, d.h. ihren weiblichen Ursprung ausleben.

Ein Foto beschäftigt mich immer wieder. Auch wenn es sich um eine zufällige Aufnahme handelt, finde ich die Stellung der drei Menschen auf dem Foto bezeichnend für ihre Beziehung zueinander. Diese Aufnahme stammt kurz vor der Scheidung Hammerbachers von Mattern. Mattern und die kleine Tochter Merete stehen im Garten, Mutter, also Herta Hammerbacher sitzt im Zimmer und ist vertieft in ihrer Näharbeit. Alle drei Beteiligten blicken in die verschiedene Richtung. Hammerbacher kehrt ihrer Familie den Rücken zu. Ihre Familie hat den ‚Garten‘ anstelle der Mutter und Ehefrau. Nach der Scheidung wuchs die Tochter bei dem Vater auf. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Architekt Hans Scharoun diese Aufnahme gemacht hat, der ein sehr guter Freund der Familie war. Diese Aufnahme befindet sich derzeit im Scharoun-Archiv der Akademie der Künste Berlin.

Nach Hammerbacher dient das Haus in erster Linie dazu, das biologische Schutzbedürfnis zu befriedigen, während dem Garten eine höhere Bedeutung zukommt. Deshalb war es für Hammerbacher eine logische Schlussfolgerung, das sich das Haus dem Garten und dadurch der Landschaft fügen, und eröffnen muss. Hier begründet sich auch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit Architekten. Im Weltbild Hammerbachers hatte nur das, was der Gesetzmäßigkeit der Natur entspricht, die wirkliche Existenzberechtigung. Der Kubus eines Hauses z. B., eine Form, die weder in der Natur als solche vorkommt, noch der Gesetzmäßigkeit entspricht,  empfand sie im Prinzip als Fremdkörper. Sie erkannte nur organhafte Architektur z. B. von Scharoun an, da seine Bauform aus der kristallinen Gesteinsstruktur, oder der Gebirgs-Landschaftsform  abgeleitet sei. Mit der Zeit hat sie eine nahezu feindselige Haltung gegen den architektonischen Garten eingenommen. Hinter dieser dogmatischen Haltung Hammerbachers vermute ich eine zusätzliche, historisch und persönlich begründete Motivation, auf die ich gleich näher eingehen werde.

LOCUS AMOENUS ALS ZUFLUCHTSORT IN DER NACHKRIEGSZEIT
Hammerbacher war bekannt für ihre meisterhafte Pflanzenverwendung. Sie erzielte einen großen Ruf durch ihre Pflanzenkompositionen in verschiedenen Gartenschauen. Sie verwendete insgesamt nicht weniger als 1500 Arten und Sorten von Pflanzen. Bedeutsam finde ich die hohe Anzahl der verwendeten Gehölze, die fast im gleichen Verhältnis zu der Anzahl der Stauden stehen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Hammerbacher in der Regel den Garten nach dem Vorbild der Lichtung im Wald sorgfältig konstruierte, weil die Lichtung im Wald ihrer Meinung nach die ursprüngliche Form der menschlichen Ansiedlung, folglich idealtypisch sei. Die Gehölzkulissen der Lichtung im Wald wurden bei jedem Garten nach örtlichen Verhältnissen aufs Neue zusammengestellt. Dies erklärt die hohe Anzahl der verwendeten Gehölze. Sie verwendete mit Vorliebe Wildstauden, die sie wie eine Waldsaumgesellschaft komponierte. Bezeichnend ist, dass Hammerbacher erst in der Nachkriegszeit den Begriff, Locus amoenus, bzw. Lichtung im Wald verwendete, als wollte sie sich tief im Wald verstecken. Aber wovor wollte sie fliehen?

Herta Hammerbacher hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein dualistisches Weltbild zurechtgelegt, in dem es hieß, dass der architektonische Garten nationalsozialistisch, und der landschaftlich bestimmte, auf Ursprung beruhende Garten humanistisch-moralisch sei. Das war u.a. auch ein Grund, warum sie die Welt des landschaftlich bestimmten Gartens nicht verlassen konnte. Hammerbacher litt zweifelsohne sehr stark unter Schuld- und Verantwortungsgefühl für die Zeit des Nationalsozialismus. Kurz vor ihrem Tod gab die 84-jährige ein langes Interview. Als das Gespräch auf das Thema Nationalsozialismus kam, wehrte sie sich zunächst ein wenig, aber dann brach sie plötzlich in Tränen aus. Sie sagte, dass sie damals alle gewusst haben, was vor sich ging. Und es sei eine grauenhafte Zeit gewesen. Und ich glaube ihr aufs Wort. Es muss so furchtbar gewesen sein, dass sie zunehmend Zuflucht suchte in der auf Ursprung und Ideal fixierten, moralischen Welt des Gartens, verwehrte sich dadurch selbst die künstlerische Freiheit, nun aus dieser Schutzwelt herauszubrechen und mal was anderes auszuprobieren. Sie realisierte eine nahezu beispiellose Anzahl an Garten- und Landschaftsobjekten, nicht weniger als 500 in der Nachkriegszeit. Sie gestaltete ihre Gärten bis zum Ende ihres Lebens konsequent nach diesem Prinzip der Neuen Landschaftlichkeit, bzw. Lichtung im Wald, als wollte sie genügend Zufluchtsorte und Gedenkstätten schaffen. Sie zeigte dennoch als einzige unter ihrer Kollegen den Mut, die Wahrheit auszusprechen.

Obwohl ich sie nie persönlich erlebt habe, sehe ich sie in meinen inneren Augen stets als 20 Jährige Gärtnerin, die energisch, unbeschwert und unbeirrt ihres Weges ging. Damals konnte sie nicht wissen, welchen dunklen Schatten die deutsche Geschichte vorbereitete. Sie arbeitete damals in Lindau am Bodensee. Wahrscheinlich verbrachte sie dort drei schönste Jahre ihres Lebens. Ihr Leben war in dieser Zeit neben ihrer Arbeit als Gärtnerin erfüllt mit Literatur, Musik und Graphologie. Sie las viele Bücher und schrieb Dramen und Gedichte. Hammerbacher spielte die erste Geige und Viola im Lindauer Orchester Symposia. Außerdem machte sie mit dem Kantor-Ehepaar Kammermusik. Musik wurde in dieser Zeit ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens; wenn sie mit dem Fahrrad unterwegs war, hing ihr stets die Geige auf dem Rücken. Später in o.g. Interview sagte sie, nach dem alternativen Beruf gefragt, sie hätte Musikerin werden können. Musik wäre für sie kein Hobby sondern eine Art Berufung. Sie hat sich wahrscheinlich dem Wesen des Gartens nicht gänzlich hingeben können.

Nach dem Tod Hammerbachers erhielt ihre Tochter einen Brief. Die Absenderin war die Tochter des Kantors in Lindau, mit dem Hammerbacher Kammermusik machte. Die Tochter konnte sich lebhaft an die strahlend gesund wirkende junge Hammerbacher erinnern, deren geistig-seelischen Zugriff man sich nicht entziehen konnte oder gar wollte. Hammerbacher zeichnete Glockenblumen in das Album der Tochter des Kantors und schrieb ein Gedicht:

Eine Blume soll ich Dir bringen ?? Denk nicht,
dass Menschen Blumen geben. -
Die Blüte, die Dir das Leben schmücken soll,
Lass sie aus Deinem Innern steigen !
Nur sie allein welkt nicht,
Nur sie bringt Freude !

    Alles Gute fürs Leben !
        Herta Hammerbacher

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